Lindström, Börje
Foto: Paul Knispel
- ACHT JAHRE
- EINSAM (Herr Einsam und das Mädchen)
- DAS MEER
- PAPA
- SPRIT
- DIE RICHTIGE NASE
- DIE VERSCHWUNDENE KÖNIGSKRONE
DAS MEER
(Havet)
Besetzung: 1D, 2 H
Kinder ab ca. 5 Jahren und Erwachsene
UA: 1995, Folkteatern Göteborg
Deutschsprachige Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Leseprobe
„Das Meer“ ist ein Drei-Kinder-Stück wie das bekannte „Acht Jahre“. Diesmal drei Kinder am Meeresstrand. Mit dem Unterschied, dass eins der Kinder ein junger Delfin ist, der an Land gespült wurde. Das Mädchen wohnt hier und ist mit der Natur vertraut. Der Junge ist eine Landratte und hält übers Meer Ausschau nach seinem verschwundenen Opa. Bis die Flut kommt, spielen und streiten die drei um Leben und Tod, Land und Meer, Gemeinsamkeit und Alleinsein. Und bis zurück in die Zeit, als der Mensch noch im Wasser und der Delfin an Land lebte.
Lindströms poetisches Drama dringt in geradezu mythische Dimensionen vor. Geblieben sind die genau und humorvoll beobachteten Szenen kindlichen Innen- und Außenlebens, die er in seiner sparsamen und pointierten Schreibweise einfängt.
ACHT JAHRE
(Åtta år)
Besetzung: 1 D, 2 H
Kinder ab ca. 7 Jahren und Erwachsene
UA: 1987, Backa Teater, Göteborg
DSE: 1992, Theaterspielplatz, Braunschweig.
Weitere Inszenierungen u.a. in Berlin, Halle, Köln, Magdeburg, München, Potsdam; Wien (ÖE 1994); Zürich (SE 1992)
Buchveröffentlichung: Spielplatz 4, Fünf Theaterstücke für Kinder, Frankfurt am Main 1991
Deutschsprachige Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Leseprobe
Drei Kinder, mehr oder weniger, bestimmt oder fast acht Jahre alt, treffen sich auf einem unwirtlichen Gelände am Rand eines Wohnblockviertels. Sie kennen sich nicht. Also muss erst einmal abgetastet werden, wer hier wer ist und was kann und überhaupt. Dabei tauschen die drei aus, was sie so vom Leben wissen oder zu wissen meinen. Das geht vom Verschwinden eines Vaters über den Tod am Beispiel einer unbekannten verstorbenen Katze, das allumfassende Meer, das man in einem Schneckenhaus hören kann bis zu ultimativen Kenntnissen über Pornofernsehen und der gravierenden Frage, ob es überhaupt jemanden gibt, der einen mag. Und weil sie drei sind, der Junge, das Mädchen und der Andere Junge, gibt es eine Art Dreiecksgeschichte im Kleinen, wechselnde Zu- und Abneigungen, Werbungsversuche, Imponiergehabe, Eifersüchte.
Börje Lindström baut in seiner sparsamen Schreibweise, in der mikroskopisch genaue Beobachtungen, komische Nummern und poetische Rituale sich humorvoll und unterhaltsam verbinden, ein kleines Mosaik von Lebensansichten - aus der Erfahrungswelt der Kinder. Und das Muster ist nicht so unendlich viel anders als bei den Erwachsenen.
Literatur: Reclams Kindertheaterführer, Stuttgart 1994
SPRIT
(Sprit)
Besetzung: 2D, 2H
Kinder ab 8 Jahren und Erwachsene
UA: 1978, Unga Klara Teater, Stockholm
DSE: 1988, Wittener Kinder- und Jugendtheater
Weitere Inszenierungen u.a. in Dortmund, Erfurt, Magdeburg, Wien
Buchveröffentlichung: Dirk H. Fröse (Hrsg.), Schwedisches Kindertheater, Fünf Stücke, Frankfurt am Main 1984
Deutschsprachige Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Leseprobe
Börje Lindström, der ein großer Poet des Kindertheaters werden sollte, hat sich hier eines brennenden gesellschaftlichen Themas angenommen, das man den Kindern gegenüber gerne totschwieg: Sprit eben, Alkoholismus. Und Lindström schreibt das kleine Drama ganz aus der Sicht des betroffenen Mädchens, das zwischen seiner Verständnis- und Hilflosigkeit, seiner Frustration über die Beschädigung des Kinderlebens durch die Schwäche der Mutter und zugleich seiner Liebe und Solidarität zur trinkenden Mutter hin- und her gerissen wird. In knappen, humorvoll pointierten Szenen wird ein eigentlich großes Drama gezeigt: Nicht nur, wie das Mädchen sich schämt und leidet, sondern auch wie es kämpft, wie es – schön und schlimm zugleich – Verantwortung übernimmt und sich überwindet, offen zur Situation zu stehen. Offen auch das Ende des Stücks, kein Happy End, nicht mal eine Entziehungskur … Den realistischen Erzählduktus bricht Lindström aber mit komischen, teilweise musikalischen Zwischenszenen, in denen die Schauspieler aus ihren Rollen heraustreten und sie - ganz brechtisch – kommentieren, parodieren, bloßstellen.
EINSAM (Herr Einsam und das Mädchen)
(Ensam)
Besetzung: 1 D, 1 H
Kinder/Jugendliche ab ca. 12 Jahren und Erwachsene
Buchveröffentlichung: Dirk H. Fröse (Hrsg.), Schwedische Theaterstücke für Kinder, Frankfurt am Main 1995
UA: 1992, Svenska Riksteatern / Unga Riks
DSE: 1996, Wu Wei Theater, Frankfurt
Deutschsprachige Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Leseprobe
Herr Einsam hat noch einen anderen Namen: Herr Strindberg. Und er ist berühmt. Man muss das nicht wissen. Aber wenn man es nicht weiß, nimmt er das übel. Und berühmt oder nicht – er hat Angst vor dem Schlafengehen und dem Alleinsein. Da kommt Klara, das Hausmädchen, das ihn zum Essen bitten soll, gerade recht. Kaum ist sie da, geht es ihm besser, er spielt sich auf und kanzelt sie ab. Kaum will sie darauf hin gehen, um ihn mit seinen Gemeinheiten allein zu lassen, wird er ganz klein und nett und unternimmt abenteuerliche Anstrengungen, um sie zu interessieren und zu beeindrucken. Er zeigt ihr, wie man Gold macht – es kommt aber leider nur etwas wie Kanarienvogelkacke heraus. Er ruft sogar Gott an, mit dem er befreundet ist – aber der geht gerade nicht ans Telefon. Der alternde berühmte Mann scheint unverbesserlich, ja, hinter dem Paravent lauert angeblich schon der Tod. Da wendet sich das Blatt. Mit ihrem tiefen Unverständnis für die Wichtigkeit Herrn Strindbergs und ihrer bodenständigen und praktischen Art, seine erdrückenden Geheimnisse zu hinterfragen, hat Klara wohl doch irgendwie den Panzer dieses Mannes durchbrochen. Mindestens bringt sie ihn zum Lachen. Und zum Essen kommt er jetzt auch.
Börje Lindström hat hier ein in seiner poetischen Knappheit und Pointierung hinreißendes Kammerspiel für Junge und auch nicht so Junge geschrieben. Der große Reiz im Aufeinandertreffen der beiden wenig kompatiblen Figuren im Stück entfaltet sich aus dem Umstand, dass der alternde Dichtertitan in die Rolle eines ungebärdigen, launisch-verspielten Kindes rutscht, um dessen Erziehung sich das einfache Mädchen bemüht.
DIE VERSCHWUNDENE KÖNIGSKRONE
(Den försvunna kungakronan)
Besetzung: 1 D, 4 H
Kinder ab ca. 6 Jahren und Erwachsene
UA: 1984, Stockholms Skolteater
DSE: 1988, Thalia Theater, Hamburg
Deutschsprachige Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Leseprobe
Nach einer Ballade des schwedischen Dichters Verner von Heidenstam entstand dieses große orientalische Märchen in der kleinen Form. Es erzählt von einem ungleichen Brüderpaar, den Holzhackern Mustafa und Hafed, gutmütig der Eine, boshaft und habgierig der Andere. Die machen sich auf die Suche nach der Tochter und der Krone des Großsultans von Bagdad, die beide verschwunden sind. Hafed bootet aber seinen harmlosen Bruder aus und macht sich mit einer Täuschung zum Sultan. Mustafa findet die echte Krone in einem Brunnenschacht, in den sein misstrauischer Bruder ihn gestoßen hatte, und ein kleiner Vogel, den Mustafa gepflegt und Hafed weggeworfen hatte, bringt die Lösung des Prinzessinnenrätsels. Und so endet das Märchen damit, dass der gute Holzhacker der neue Sultan wird.
Erzählertexte rahmen die holzschnittartigen Szenen ein. Damit gibt es eine beruhigende Bezugsperson für die Kinder, die sie auch ganz direkt auf den Unterschied zwischen gespielter und gelebter Realität hinweist im Angesicht dieser farbig und teilweise auch durchaus drastisch erzählten Geschichte.
PAPA
(Pappa)
Besetzung: 2 D, 2 H
Kinder ab ca. 8 Jahren und Erwachsene
UA: 1985, Turteatern, Karlstad
Buchveröffentlichung: Spielplatz 22, Fünf Theaterstücke über Väter und Söhne, Frankfurt am Main 2009
Deutschsprachige Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Leseprobe
Zum Geburtstag bekommt der Junge zwei tolle Geschenke. Der Papa verspricht, endlich den Führerschein zu machen – die Mama nervt ihn seit langem wegen der ersehnten Ferienfahrt an die Küste. Und Tante Lovisa will dem Jungen einen Wellensittich schenken. Als sie ankommt, ist der Käfig leer. In der kleinen Welt der Großen geht es drunter und drüber. Der Papa flieht zu den Nachbarn. Aber der Junge betet unverdrossen: „Ich liebe meinen Papa. Und zaubern kann er auch. Alles klar Amen!“
Ein Familiendrama, in dem ein Papa mit seiner vom eigenen Papa gelernten und verinnerlichten Paparolle nicht klar kommt, wenn er in einer Situation mal nicht der Große und Starke ist (zum Beispiel durch die Fahrprüfung fällt). Vielleicht nicht allzu bedeutend aus der Sicht der Erwachsenen, wohl aber aus jener des Kindes. Zum Glück gibt es Tante Lovisa, die ein großes Herz hat und die aus ihrem Abstand zur Kleinfamilienkrise auch einem Kind zuhören kann, wenn andere es mal gerade nicht tun.
DIE RICHTIGE NASE
(Smittan)
Besetzung: 2 D, 2 H
Ab ca. 10 Jahren und Erwachsene
UA: 1980, Örebroensemblen, Örebro
Buchveröffentlichung: Spielplatz 7, Fünf Theaterstücke für Kinder, Frankfurt am Main 1994
Deutschsprachige Aufführungsrechte: Verlag der Autoren, Frankfurt am Main
Leseprobe
Man könnte gleich das Themenplakat machen: „Das knappest denkbare Modell-Stück über Mobbing, Ausgrenzung, Gewalt in der Schule und ihre logische Fortsetzung außerhalb derselben“. Und welche bildlich-dramatische Übersetzung Börje Lindström dafür gefunden hat!
Alle Kinder und Leute haben ganz lange Nasen, das ist normal. Bis der Junge auf einmal, beim Ballspiel in der Turnhalle, seine lange Nase verliert. Jetzt ist er anders. Nicht mehr normal. Natürlich muss er die vermisste Uhr geklaut haben. Keiner will mehr mit ihm zu tun haben, da sind die Erwachsenen nicht besser als die Kinder, und richtig Ball spielen kann er auf einmal auch nicht mehr.
Es kommt aber noch schlimmer – oder besser? Der Nasenverlust ist ansteckend. Immer mehr Kinder und Leute verlieren die langen Nasen, bis die Kurznasen die Normalen sind und die Langnasen „die Anderen“. Und wieder droht die Solidarisierung der „Normalen“ gegen die „Anderen“. Aber vielleicht kann man vom Jungen, von einem, der das alles schon mal durchgemacht hat, etwas lernen?
Ein kurzes und gnadenloses Gesellschaftsstück, bei dem Humor und Unterhaltungswert in den extremen Spielmöglichkeiten von Lindströms zugespitzten Szenen liegen.

